das hoffnungsprinzip 2017-08-23T17:40:22+00:00

DAS HOFFNUNGSPRINZIP

Ein Text über den Handel mit dem allgegenwärtigen Gut der Hoffnung und über die Unerschütterlichkeit unseres Glaubens an das letzte Fabrikat der Büchse der Pandora.

von Roxanne Hoerling

Im April 2014 präsentierte der Künstler Andrew Stix das erste Mal sein Projekt der HOPES auf seiner großflächigen Ausstellung „Princess Garden“ im ehemaligen Renz in Wien. Zu sehen waren die Musen, welche ebenfalls in hünenhafter Form die imposanten Werke seiner Inszenierung dominierten zudem, in leicht abgewandelter Form, aufgebaut auf dem Design eines übergroßen Geldscheins. In Gestalt einer neuartigen Währung, welche die derzeitige wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage, sowie das Agieren und den Verstand der Menschen der heutigen Zeit bis zurück in die Entstehung unseres Denkens und Fühlens kaum besser simplifizieren könnte, zogen sie erstmals die Blicke der Schaulustigen auf sich und zeigten, dass eben jenes menschliche Dasein einem schlichten Grundprinzip zugrunde liegt: Dem Handel mit der Hoffnung.

Verdeutlicht durch seine schöpferische Hand, durch die bildhafte Darstellung des Handels, durch das Prägen der schönen HOPE-Mädchen als Banknote, bekam diese bittere Problematik das erste Mal einen süßen Beigeschmack und regte dadurch die Anwesenden zum Nachdenken an. Eine neue Währung war geboren, Kunst auf Leinwand, in Anlehnung an Geldscheine: Die HOPES.

Im Sommer des Jahres 2015 widmete sich Andrew Stix dann auf einem weitergehenden, greifenden Schritt einer fortführenden Phase seines Konzepts und dem Projekts der HOPES zu – er konzipierte sie in einer handlichen Größe in der Auflage größerer Mengen um den Einfluss des Aspekts Geldes noch offensichtlicher zu machen und in die Alltäglichkeit integrieren zu können. Nun war es kein Gemälde eines Geldscheines mehr, sondern eine ganz eigene, neuwertige, greifbare Währung mit einer beeindruckenden Geschichte und einem impressionierenden Gedanken dahinter. Das Prinzip, welches er verfolgt, ist präsentierend, und lässt die Frage aufkommen, was Geld eigentlich (wert) ist und welchem Wert, und welche illusionsgetränkten Gesichter, wir diesem in der heutigen Zeit zumessen. 

Und um das ewige Los der Menschheit, dass wir allem einen fixen Wert, einen festgelegten Standpunkt beimessen wollen, zu befriedigen, tat er das einzig schlüssige um das Konzept des Scheins der Hoffnung zu komplettieren – er legte einen Gegenwert fest:

Ein HOPE sollte ab nun in seinem Konzept einem Cent entsprechen.

Man mag sich nun fragen: Warum ausgerechnet ein Cent?

Andrew Stix begründete seine Wahl des Gegenwertes damit, dass eine Hoffnung zumindest einen Cent wert sein müsse, da dies der niedrigst mögliche Betrag in unserer Währung sei, der für den Menschen existent ist, den wir real in Händen halten können, und nicht einer jener, die nur mehr ausschließlich als eine Anreihung von Zahlen hinter einem Nullwert auf einem flackernden Bildschirm aufzeigbar sind. Er wählte ganz bewusst diesen kleinstmöglichen Betrag, da dieser zusätzlich die Genialität des Ursprungsgedanken nahezu unterstreichend und selbsterklärend aufzeigt; denn wäre der Wert einer Hoffnung weniger als der des betitelten einen Cents, den wir in diesem Exempel als kleinstmöglich titulieren, dann wäre er Null und die Hoffnung somit hoffnungslos. Und was wäre schon eine Welt ohne Hoffnung?

Das erste Kunstprojekt der HOPES, welches er in die Welt hinaussandte, bestand daraus, dass er eine ausstehende Rechnung an einen Anwalt mit einem, in aufwendiger Handarbeit angefertigtem Paket, bestehend aus dem zu zahlenden Betrag im Gegenwert von HOPES-Geldscheinen und einem erklärenden Brief, beglich, um Einsicht in die Reaktion des involvierten Menschen zu erlangen und die Frage aufzuwerfen:

Wie viel ist Hoffnung wert?

Eine Frage, die wohl niemand mit einer stets zutreffenden Antwort zu beantworten vermag.

Für den einen ist Hoffnung ein Gedanke, für den Nebenstehenden womöglich eine Emotion, für die Werbewirtschaft und Politiker vermutlich in erster Linie ein Konzept oder gar das ausgeklügelte Spiel mit den ihnen zur Verfügung stehenden Medien Wissen und Macht. 

Doch wofür nutzen, wofür brauchen wir Hoffnung? Zum Überleben. Zum Manipulieren. Zum Herrschen. Zum Lieben. Zum Fühlen. Um uns selbst zu betrügen. Um zu glauben. Um Ängste zu besiegen. Und wohl am bedeutsamsten: Um den Blick auf eine bessere Zukunft zu schüren. 

Und des weiteren: Wie viele Gesichter hat die Hoffnung? Wer sind die typischen Hoffnungsträger? Lässt sich unsere menschliche Existenz womöglich gar in zwei Spalten aufteilen? In jene, die mit Hoffnungen Handel betreiben, sie in die Welt hinaustragen und jene, die sie benötigen um zu überleben? Und wie entscheidend ist dabei die Person dahinter, die Absicht, mit der jemand die Hoffnung in die Welt hinaussendet? Macht es einen Unterschied, ob Hoffnung von einem Menschen proklamiert wird, der daraus Profit schlägt oder von einem, der aus reinem Herzen und einem unbelasteten Gewissen und Glauben heraus selbstlos Gutes verkündet?

Das Gut der Hoffnung, hat es überhaupt einen fixen Gegenwert?

Je schlimmer die Umstände desto wertvoller wird die Hoffnung, exponentiell ansteigend, und die Umstände werden zunehmend schlimmer, wie man tagtäglich, selbst ohne Blick in Zeitung, Fernsehen und Co unschwer erkennen kann. Das Leid von Heimatlosigkeit, der andauernde Zustand der Flucht, die daraus resultierende Angewiesenheit der Betroffenen auf die Güte anderer, wird auch in den Straßen Österreichs, in Europa immer deutlicher sichtbar. Die gesellschaftlichen Unterschiede sind nicht mehr nur durch einheimische Armut in Form von Bettlern ersichtlich, sondern durch ganze Bahnhöfe voller Flüchtlinge. Eine Ansammlung von Leid und zeitgleich doch auch: Eine Ansammlung von Hoffnung. Denn die Hoffnung ist ihr höchstes Gut, welches all diese Flüchtenden und Suchenden dazu ermutigt ihre Reise zu beschreiten und fortzusetzen; es ist die Hoffnung, die sie vorantreibt, ihnen Kraft gibt, sie an ein besseres Leben, an eine bessere Welt glauben lässt.

Vor kurzem sagte ein britischer Schauspieler in einem Appell: „A parent only puts their child on a boat when the sea is safer than the land.“ Der Mensch begibt sich und seine Liebsten in alternative Gefahren aus dem tiefen Gefühl heraus, welchem einem Stärke gibt und einem die Nackenhärchen aufzustellen vermag, ein besseres Sinnbild für die Hoffnung ist wohl wahrlich nur mehr schwer zu finden.

In seinem Brief an einen Anwalt, wirft er die Tatsache auf, dass mit HOPES zu zahlen, die an sich (zu Anfang eines solchen Projekts) lediglich einen selbstkreierten Gegenwert haben, keinen aber, den man unabhängig davon bei den Banken dieser Welt eintauschen könnte, selbstverstehend wieder lediglich ein Handel mit Hoffnung sei. Und genau wie mit der Hoffnung ist auch der Wert der HOPES ein stetig schwankender, denn mag der eigentliche Gegenwert festgelegt sein auf einen Cent pro HOPE, so steht der Endwert, welcher jedem dieser Einzelstücke durch das schöpferische Handwerk eines Kunstschaffenden zuteil wird, weiterhin aus – der Wert der Kunst, der sich aus einem angelegtem Marktwert (beruhend auf dem weiteren Verlauf der Karriere des Andrew Stix) und dem eigenen, ganz persönlichen Empfinden des Besitzers, der eigenen Liebe zur Kunst, zusammensetzt und somit nicht fix zu benennen ist. Es ist ein Spiel mit Variablen.

Um eine sichere Basis und eine ernstzunehmende Unterlage für den involvierten Anwalt zu schaffen, formulierte er deswegen in seinem Schreiben aus, dass er bereit sei, die zugesandte Hoffnungen, die HOPES, sukzessiv in den nächsten sechsunddreißig Monaten zurückzuerwerben, darauf verweisend, dass sich der Rückkaufwert weisen wird und seine kunstträchtige Währung bis dahin den eigentlich angelegten Gegenwert von einem Cent pro HOPE bereits übersteigen wird. Profit durch Zeit, durch Abwarten, durch Betrachten, wie ein Künstler seiner Wege geht und sich seinen ihm zustehenden Platz und Rang in der Welt erarbeitet.

Zu Ende seines Briefes zitiert Andrew Stix in groben Zügen die berüchtigten Worte des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche „Die Hoffnung ist die größte Geißel der Menschheit, denn sie hält uns an immer weiter zu gehen.“ und verweist darauf, dass Wort „Hoffnung“ durch Wort „Geld“ ersetzen, um sich den aktuellen Stand und die voraussichtliche Entwicklung unserer Gesellschaft zu verwirklichen. 

Andrew Stix ist Künstler, und zwar einer jener, denen zunehmend mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Zeit wird ihr Übriges tun und zu seiner Bekanntheit beitragen.

Und vielleicht wird es durch ihn möglich, der HOFFNUNG, einen neuen Wert zu geben und ihr wieder einen bewussteren, mit mehr Anerkennung geschmückteren Platz und eine höhere Bedeutung in unserer stetig mehr der Oberflächlichkeit verfallenden Gesellschaft zu geben.

Denn werden wir am Ende des Tages nicht alle von unserem guten, alten Freund, der Hoffnung, angetrieben?

  • making of
  • das erste HOPES-paket